Aus: XXe Siecle, Nr. 31, 1968
Verlag: Gualtien di San Lazzaro, Paris
Druckerei: Muorlot, Paris
Große, nicht näher bezeichnete Auflage, um das Jahr 2000
Quelle: Poliakoff/Schneider 68
„Composition rouge et bleue“ ist ein besonders prägnantes Beispiel für Serge Poliakoffs ausgereiften abstrakten Stil. Die Lithografie entstand 1968, in den letzten Jahren des Schaffens des Künstlers, und wurde für die Ausgabe Nr. 31 der einflussreichen Pariser Kunstzeitschrift „XXe Siècle“ von Gualtieri di San Lazzaro in Auftrag gegeben. Es wurde im berühmten Mourlot-Atelier in sechs Farben gedruckt, das für viele der führenden europäischen Künstler des 20. Jahrhunderts Original-Lithografien herstellte. Exemplare, die aus der Zeitschrift entfernt wurden, weisen häufig auf der Rückseite noch gedruckten Text auf.
Die Komposition besteht aus sechs unregelmäßigen, ineinander verschachtelten Feldern in Rot und Blau. Diese Formen wirken zugleich fest und beweglich: Jede drängt sich an ihre Nachbarn heran, doch keiner von ihnen ist es gestattet, das Ganze zu dominieren. Poliakoff verzichtete auf herkömmliche Konturen, sodass die gemeinsamen Kanten der farbigen Formen die Struktur bestimmen. Die Farbe übernimmt somit die Aufgabe, die normalerweise der Zeichnung zukommt.
Die Rottöne reichen von tiefem Purpur und Burgunderrot bis hin zu wärmeren, leuchtenderen Farbtönen, während die Blautöne zwischen dunklem Ultramarin und kühlerem Blauviolett wechseln. Durch ihre gegensätzlichen Temperaturen entsteht eine innere Schwingung. Anstatt geometrische Formen vor einem Hintergrund darzustellen, schuf Poliakoff ein zusammenhängendes Bildfeld, in dem jede Form die anderen ergänzt und prägt. Das Ergebnis ist kompakt, architektonisch anmutend und trotz der bescheidenen Maße des Drucks überraschend monumental.
Die leicht unregelmäßigen Konturen und die subtil variierenden lithografischen Oberflächen verhindern, dass die Komposition mechanisch-geometrisch wirkt. Sie lassen die Handschrift des Künstlers erkennen und verleihen den farbigen Bereichen eine Dichte, die an verwitterten Stein, Buntglas oder die reich geschichteten Oberflächen russischer Ikonen erinnert. Obwohl Poliakoff gegenständliche Darstellungen ablehnte, wird seine seit der Kindheit vertraute orthodoxe religiöse Kunst oft als wichtige Quelle für sein Gespür für satte Farben und kontemplative visuelle Ausgewogenheit angeführt.
Biografie
Serge Poliakoff wurde 1900 in Moskau geboren und wuchs in einer großen, wohlhabenden Familie auf. Nach der Russischen Revolution verließ er Russland und reiste über Konstantinopel durch Europa, wobei er sich viele Jahre lang als Gitarrist seinen Lebensunterhalt verdiente. 1923 ließ er sich endgültig in Paris nieder und begann Ende der 1920er Jahre mit einem ernsthaften Kunststudium.
Während eines Aufenthalts an der Slade School of Fine Art in London Mitte der 1930er Jahre lernte er die ägyptische Kunst kennen, was sein Interesse an frontalen, streng gegliederten Formen noch verstärkte. Nach seiner Rückkehr nach Paris kam er mit Wassily Kandinsky, Otto Freundlich sowie Robert und Sonia Delaunay in Kontakt. Diese Assoziationen bestärkten ihn darin, sich von der figurativen Malerei hin zur Abstraktion zu bewegen.
In den späten 1940er Jahren hatte Poliakoff sein charakteristisches Vokabular aus ineinander verschachtelten, asymmetrischen Farbfeldern entwickelt. Er wurde zu einer zentralen Figur der Nouvelle École de Paris der Nachkriegszeit, obwohl seine Kunst eher architektonisch und meditativ blieb als die gestischen Werke, die man gemeinhin mit dem Tachismus oder der Art Informel in Verbindung bringt. In den 1950er Jahren erlangte er internationale Anerkennung und erhielt 1962 auf der Biennale in Venedig einen Raum im französischen Pavillon. Nachdem er 1965 einen Herzinfarkt erlitten hatte, arbeitete er zunehmend in kleineren Formaten und widmete sich verstärkt der Lithografie. Er starb 1969 in Paris. Im folgenden Jahr organisierte das Musée National d’Art Moderne eine große Retrospektive.
Analyse und Bedeutung
Diese Lithografie zeigt, dass Poliakoffs Druckwerke nicht bloß reproduktiver Natur waren. Die sechs separat gedruckten Farben erzeugen eine eigene, vielschichtige Oberfläche und einen eigenen visuellen Rhythmus. Die durch das kleine Seitenformat erforderliche Verdichtung verstärkt die Beziehungen zwischen den Formen: Rot tritt in den Vordergrund, Blau tritt in den Hintergrund, und die Komposition scheint über ihre physischen Grenzen hinauszuwachsen.
Der in „XXe Siècle“ veröffentlichte Druck reiht sich zudem in die bedeutende Nachkriegstradition ein, originelle grafische Kunst einem breiten internationalen Publikum zugänglich zu machen. Die Zeitschrift „Di San Lazzaro“ gab Original-Lithografien bei Künstlern wie Miró, Chagall, Calder, Braque und Poliakoff in Auftrag. Folglich nimmt „Composition rouge et bleue“ eine doppelte Rolle ein – als eigenständiger Originaldruck und als Teil einer der bedeutendsten Kunstpublikationen der Nachkriegszeit.
Museumsbestände
Mir ist kein zuverlässiger Eintrag in einem Online-Museum bekannt, der konkret einen Abzug dieser Lithografie von „XXe Siècle“ identifiziert. Da solche Drucke in Zeitschriften eingebunden wurden, werden sie von Museen und Forschungsbibliotheken möglicherweise unter dem Titel der Zeitschrift und nicht unter Poliakoffs Namen katalogisiert. Zu den institutionellen Beständen mit Werken von Poliakoff gehören:
Das Centre Pompidou, Musée national d’art moderne, Paris, das eine umfangreiche Sammlung von Gemälden und Kompositionen des Künstlers besitzt.
Das Museum of Modern Art in New York, das Gemälde und Lithografien besitzt, darunter seinen Beitrag zu „Art abstrait“ aus dem Jahr 1946.
Die Tate in London, in deren Besitz sich das Werk „Abstract Composition“ aus dem Jahr 1954 befindet.
Das Solomon R. Guggenheim Museum in New York, das Werke von Poliakoff in seiner Sammlung moderner Kunst beherbergt.
Schlussfolgerung
„Composition rouge et bleue“ verdichtet Poliakoffs reife Kunst in einem bemerkenswert kleinen Format. Durch sorgfältig ausgewogene, ineinander greifende Felder satter Farben schuf er ein Bild, das zugleich stabil und dynamisch, intim und monumental ist. Die Veröffentlichung in „XXe Siècle“ und der Druck bei Mourlot reihen das Werk zudem in die bedeutende Geschichte der französischen Lithografie der Nachkriegszeit ein.