Eine einsame Figur taucht aus einem Dunst von moosigen Grüntönen, verwaschenen Gelbtönen und erdigen Rottönen auf, als ob sie aus den Tiefen der Leinwand herausgepresst und nicht darauf gemalt wäre. Das Gesicht ist undeutlich, schemenhaft und porös, seine Züge lösen sich in der umgebenden Atmosphäre auf. Die Augen glitzern schwach, nicht vollständig enthüllt, und suggerieren Aufmerksamkeit ohne Einladung. Der Körper ist nur teilweise geformt, absorbiert in den malerischen Grund, auf dem die Pigmentschichten gerieben, verkrümelt und verwittert erscheinen. Diese Erosion verleiht der Figur eine gespenstische Instabilität, so als könnte sie sich jeden Moment wieder an die Oberfläche zurückziehen. Die Farbe hat eher eine emotionale als eine beschreibende Funktion: Grün atmet eine pflanzliche, fast alchemistische Energie, während das Rot an der Basis wie eine vergrabene Glut schwelt. Der Rahmen ist keine Grenze, sondern ein Kollaborateur. Die abgenutzte, geriffelte Oberfläche und der gedämpfte Metallton spiegeln den Sinn des Gemäldes für Alter und Ritual wider, während die kleine Plakette mit dem Wort "Enchantment" (Verzauberung) die Erfahrung verankert - sie benennt, was nicht vollständig gesehen werden kann. Gemeinsam suggerieren Bild und Rahmen eine Reliquie oder einen Talisman, einen Gegenstand, dem eine stille Kraft innewohnt.
Johannes Seubert
Verzauberung, 2009
gemischte Medien
14h x 11w in
16,5h x 13,5w in gerahmt
35,56h x 27,94w cm
JSE106
John Seuberts Werk schöpft aus dem Symbolismus, dem Surrealismus, dem Expressionismus und der rohen Unmittelbarkeit der Art Brut und bildet doch eine ganz eigene Welt. Seine Gemälde, Assemblagen und hybriden Konstruktionen verwandeln wiederverwertete Rahmen, Holz, Eisenwaren und gefundene Materialien in intime Objekte, die sich gleichzeitig handwerklich und psychologisch aufgeladen anfühlen. Fenster, Altäre, eingemeißelte Texte und kleine totemistische Figuren tauchen immer wieder in seinem Werk auf und verwandeln alltägliche Materialien in Orte des Rituals und der Reflexion.
Die Werke verdeutlichen Seuberts Glauben an das emotionale Leben der Objekte. Augen blicken hinter Fenstergittern hervor, Hunde stehen wie säkulare Ikonen, Blumen blühen in dicker Pasta, und geschnitzte Köpfe thronen auf behelfsmäßigen Sockeln. Jedes Werk suggeriert eine unerreichbare Erzählung - privat, zärtlich und gelegentlich humorvoll - und lädt den Betrachter in eine ruhige Welt ein, die aus Erinnerung, Hingabe und der Poesie der Rettung besteht.