Vetlanda, Schweden, 1930.
Weit weg von Paris. Weit weg von London. Weit entfernt von den angesagten Salons und Galerien Stockholms.
In einer kleinen Stadt, umgeben von den Wäldern Smålands, fertigte ein schwedischer Juwelier Sphinxe an.
Er hieß Ernst Svedbom.
Und je tiefer man in sein Werk eintaucht, desto seltsamer und faszinierender wird seine Welt.
Svedbom arbeitete nicht in einer der großen Kunstmetropolen Europas. Seine Welt war Vetlanda, eine kleine schwedische Stadt, deren Umgebung von Wäldern, Seen und langen nordischen Wintern geprägt war.
Dennoch schienen die Gegenstände, die seine Werkstatt verließen, zu einer viel größeren Welt zu gehören.
Löwen tauchten auf.
Dann Drachen.
Ägyptische Formen.
Mythologische Wesen.
Und im Jahr 1930 zwei Sphinxe.
Das hier vorgestellte Kerzenständer-Paar fängt diesen bemerkenswerten Zusammenprall der Welten ein.
Jede Sphinx ruht still unter einem aufragenden Kerzenhalter, ihr Körper erstreckt sich über den Sockel aus kühlem schwedischem Zinn.
Wenn man mit der Hand über das Metall streicht, fühlt sich das Material fest und kalt an.
Fast wie Stein.
Schaut man genauer hin, offenbart sich ein Alter von fast einem Jahrhundert. Der Farbton des Zinns ist weicher geworden. Auf der Oberfläche haben sich geringfügige Abweichungen gebildet. Das Licht fällt auf die Rücken der Figuren, bevor es in den Schatten unter ihnen verschwindet.
Stelle dann Kerzen über die Sphinxe.
Alles ändert sich.
Eine Flamme flackert.
Warmes Licht fällt auf kaltes Metall.
Die Gesichter tauchen auf und verschwinden wieder im Schatten.
Für einen Moment scheinen diese seltsamen Wesen, die in einer Werkstatt in Småland entstanden sind, fast zu erwachen.
Doch darunter verbirgt sich noch ein weiteres Detail.
Dreht man einen der Kerzenständer um, wird die Geschichte plötzlich ganz konkret.
In das Metall sind die Prägungen „E.Sm“ und „SVENSKT TENN“ eingeprägt.
Und daneben befindet sich D8.
Der schwedische Datumscode für das Jahr 1930.
Dieses Jahr ist entscheidend.
Denn Schweden stand 1930 zwischen zwei Welten.
Die Eleganz und der Klassizismus von „Swedish Grace“ waren in der Innenausstattung und bei den Dekorationsgegenständen noch immer spürbar, doch etwas völlig Neues zeichnete sich bereits ab. Auf der Stockholmer Ausstellung in jenem Sommer verkündete der Funktionalismus eine neue Vision des schwedischen Lebens.
Reiniger.
Leichter.
Vernünftiger.
Die Zukunft des skandinavischen Designs nahm langsam Gestalt an.
Doch während Schweden in die Zukunft blickte, blickte Ernst Svedbom Tausende von Jahren zurück.
Nach Ägypten.
Acht Jahre zuvor, im Jahr 1922, hatte die Entdeckung des Grabes von Tutanchamun eine außergewöhnliche Faszination für das alte Ägypten ausgelöst. In ganz Europa und Amerika hielten ägyptische Motive Einzug in die Bereiche Schmuck, Mode, Architektur, Kino und dekorative Kunst.
Sphinxe, Skarabäen, Pyramiden und Pharaonen gehörten plötzlich zur Bildsprache der Moderne.
Und irgendwie hat sich diese Faszination bis nach Småland ausgebreitet.
An dieser Stelle wird die Geschichte besonders spannend.
Denn die Sphinxe waren kein isoliertes Experiment.
Wenn man sich Svedboms erhaltene Werke ansieht, zeichnet sich ein Muster ab.
Löwen.
Drachen.
Von Ägypten inspirierte Formen.
Immer wieder fanden Wesen aus fernen Ländern, aus der Geschichte und der Mythologie Eingang in seine Metallkunst.
Das lässt auf einen Handwerker schließen, dessen Fantasie weit über die Wände seiner Werkstatt in Vetlanda hinausreichte.
Svedbom selbst hatte sich dort ein beeindruckendes Leben aufgebaut.
Er wurde 1878 geboren, machte sich als Juwelier und Hersteller einen Namen und wurde Inhaber der „Guld & Silvervarufabriken Amicus“ mit Standorten in Vetlanda und Eksjö.
Sein Erfolg hat in der Stadt sichtbare Spuren hinterlassen.
Im Jahr 1914 beauftragte er den Architekten J. Nikl. Norman soll eine großzügige Villa für seine Familie entwerfen. Es wurde im folgenden Jahr fertiggestellt und beherbergte eine Kunstsammlung sowie eine Innenausstattung, wie sie einem erfolgreichen Juwelier und Unternehmer gebührten.
Es hat etwas Faszinierendes, sich diese beiden Welten gemeinsam vorzustellen.
Draußen, Småland.
Dunkle Wälder. Kalte Winter. Ruhige Straßen.
Im Inneren: Kunst, Metallarbeiten und eine Fantasiewelt voller Löwen, Drachen und Sphinxe.
Vielleicht ist es genau das, was diese Kerzenständer so viel interessanter macht, als ihre Funktion vermuten lässt.
Sie sind ein Beleg dafür, wie Ideen verbreitet wurden, bevor die digitale Welt Entfernungen nahezu bedeutungslos machte.
Ein archäologischer Fund in Ägypten sorgt weltweit für Aufsehen.
Diese Besessenheit hält Einzug in den europäischen Art déco.
Diese Ideen verbreiten sich nach Norden.
Und schließlich goss 1930 ein Handwerker in Vetlanda zwei Sphinxe aus schwedischem Zinn.
Von Kairo nach Paris.
Von Paris nach Stockholm.
Von Stockholm nach Småland.
Und dann, fast ein Jahrhundert später, geht die Reise weiter.
Das ist auch der Grund, warum die schwedische Designgeschichte um einiges facettenreicher wird, wenn wir über die Namen hinausblicken, die jeder bereits kennt.
Es geht nicht nur um Stockholm.
Es sind nicht nur die großen Ausstellungen, die berühmten Architekten oder die Designer, die später zum Synonym für die skandinavische Moderne wurden.
Manchmal verbirgt sich die interessantere Geschichte hinter einem Gegenstand.
Auf einer Briefmarke.
E.Sm.
SVENSKT TENN.
D8.
Vetlanda, 1930.
Drei kleine Spuren, die zu einem schwedischen Handwerker führen, der in den Wäldern von Småland arbeitet und dabei seinen Blick weit über diese hinaus richtet.
Der Smålander, der in die Welt hinausblickte und ein Stück davon mit nach Hause brachte.
In diesem Fall brachte er die Sphinx mit nach Hause.
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