Die um 1916 entstandene Tänzerin, die sich die Schuhe bindet, ist eines der wichtigsten Werke in Dick Beers Schaffen. Das Gemälde entstand in einem entscheidenden Moment seines Lebens, kurz nach dem Trauma des Ersten Weltkriegs und seiner Genesung von schweren Verletzungen, und zeigt ein seltenes Gleichgewicht zwischen Intimität, Struktur und aufkommender modernistischer Form.
Die Komposition zeigt eine sitzende weibliche Figur, die in das Binden ihrer Schuhe vertieft ist. Die Pose ist introspektiv und in sich geschlossen, der Kopf ist geneigt und der Körper leicht nach innen gedreht. Die Figur befindet sich in einem vereinfachten Innenraum, in dem das Bett einen weichen, horizontalen Kontrapunkt zu der kantigen Artikulation des Körpers bildet. Der umgebende Raum ist auf Farbfelder reduziert, aus denen die Figur mit ruhiger Intensität hervortritt.
Beers Umgang mit der Form zeigt eine Übergangsphase in seiner Entwicklung. Während das Thema fest in der Beobachtung verankert bleibt, wird die Figur durch vereinfachte Flächen und kontrollierte Konturen konstruiert. Die Gliedmaßen sind subtil gestreckt und die Modellierung reduziert, was auf eine frühe Auseinandersetzung mit den strukturellen Bedenken hindeutet, die ihn bald zum Kubismus führen sollten. Diese Synthese aus Naturalismus und Abstraktion ist für die Bedeutung des Werks von zentraler Bedeutung.
Die von kühlen Blau- und Grüntönen dominierte Palette mit zurückhaltenden Akzenten in wärmeren Tönen trägt zur emotionalen Atmosphäre des Gemäldes bei. Anstatt das Licht auf naturalistische Weise zu beschreiben, verwendet Beer die Farbe, um die Komposition zu vereinheitlichen und ein Gefühl der Stille hervorzurufen. Der Pinselstrich bleibt sichtbar und dennoch kontrolliert, wodurch die Unmittelbarkeit der Ausführung verstärkt wird, ohne die Form aufzulösen.
Im Gesamtkontext von Beers Karriere nimmt dieses Gemälde eine zentrale Stellung ein. Nach seinem Dienst in der französischen Fremdenlegion und den Verletzungen, die er 1915 erlitt, nahm Beer während seiner Rekonvaleszenz die Malerei wieder auf und arbeitete zunächst in einer leichten, impressionistisch geprägten Manier. Um 1916 und 1917 begann sich sein Werk jedoch zu verändern. Das vorliegende Gemälde gehört genau zu diesem Moment der Transformation, in dem sich der Künstler über den Impressionismus hinaus zu einer strukturierteren und ausdrucksstärkeren Sprache bewegt.
Beer entwickelt bald eine ganz persönliche Interpretation des Kubismus, insbesondere in den Jahren um 1918 und 1919. In diesem Zusammenhang ist es bezeichnend, dass er dieses Motiv in einer späteren, explizit kubistischen Version wieder aufgreift. Das vorliegende Gemälde kann daher als Ursprung dieser Entwicklung verstanden werden, bei der die Figur zwar noch beobachtet, aber bereits durch eine moderne Sensibilität neu konfiguriert wird.
Das Thema der Tänzerin verbindet Beer auch mit einer breiteren europäischen Tradition. Auch wenn in der Wahl des Motivs Parallelen zu Degas gezogen werden können, ist Beers Interpretation grundlegend anders. Anstatt die Bewegung oder das Spektakel zu betonen, konzentriert er sich auf einen Moment der Vorbereitung und der inneren Konzentration. Das Ergebnis ist keine Darstellung von Leistung, sondern von Präsenz.
Die Bedeutung des Gemäldes wird auch durch seine Ausstellungsgeschichte unterstrichen, da es in mehreren wichtigen Präsentationen von Beers Werk im 20. und 21. Seine anhaltende Präsenz in diesen Kontexten bestätigt seinen Status als zentrales Werk für das Verständnis seiner künstlerischen Entwicklung.
Die Tänzerin, die sich die Schuhe bindet, ist also nicht nur eine meisterhafte Figurenkomposition, sondern auch ein entscheidender Moment in Beers künstlerischer Entwicklung. Es zeigt die Entstehung einer modernen Bildsprache, die auf Beobachtung und Struktur beruht, und ist einer der überzeugendsten Ausdrucksformen seiner frühen Reife.
Titel: Tänzerin bindet sich die Schuhe (Dansösen knyter sina skor), um 1916
Öl auf Leinwand
ungerahmt 102 × 80 cm (40,2 × 31,5 Zoll)
Provenienz
Innerhalb der Familie Beer bis zum heutigen Tag
Ausgestellt
Göteborgs konsthall, 1944
Konstgalleriet Borås, 1947
Malmöer Museum, 1950
Konstakademien, Stockholm, 1973
Åmells Konsthandel, En internationell kubist, Stockholm & London, 2008
Millesgården, Dick Beer - Impressionist & Kubist, 2012